* 45 *

Das Drachenboot schwebte, die Vergeltung machtlos zurücklassend, langsam über die überfluteten Marschen. Als der Sturm abflaute, neigte der Drache die Flügel und landete mit einem mächtigen Spritzer unsanft wieder auf dem Wasser. Er war ein wenig aus der Übung.
Jenna und Marcia, die am Hals des Drachen hingen, wurden klatschnass.
Junge 412 und Nicko schlugen der Länge nach hin, rutschten übers Deck und blieben ineinander geknäult liegen. Sie rappelten sich auf, und Maxie schüttelte sich das Wasser aus dem Fell. Nicko seufzte erleichtert. Für ihn stand zweifelsfrei fest: Boote sollten nicht fliegen.
Bald zogen die Wolken aufs Meer hinaus, und der Mond kam heraus und leuchtete ihnen. Das Drachenboot, das grün und golden im Mondschein schimmerte, hob die Flügel, fing den Wind ein und segelte nach Hause.
Aus der Ferne beobachtete Tante Zelda die Szene von einem kleinen erleuchteten Fenster aus. Ihr Haar war etwas zerzaust, denn eben noch war sie jubelnd durch die Küche gehüpft und dabei gegen einen Stapel Kochtöpfe gestoßen.
Das Drachenboot wollte nur ungern in den Tempel zurückkehren. Nun, da es die Freiheit gekostet hatte, fürchtete es sich davor, wieder unter der Erde eingesperrt zu werden. Am liebsten wäre es umgekehrt und, solange es noch konnte, aufs Meer hinausgefahren, um mit der jungen Königin, seinem neuen Kapitän und der Außergewöhnlichen Zauberin durch die Welt zu segeln. Doch sein neuer Kapitän hatte andere Pläne. Er wollte es zurückbringen, zurück in sein trockenes, dunkles Gefängnis. Der Drache seufzte und ließ den Kopf hängen. Jenna und Marcia fielen fast herunter.
»Was ist denn da oben los?«, rief Junge 412.
»Der Drache ist traurig«, antwortete Jenna.
»Woher willst du das wissen?«, fragte Junge 412.
»Ich weiß es. Er spricht zu mir. In meinem Kopf.«
»Ach nee!«, lachte Nicko.
»Was heißt hier, ach nee? Er ist traurig, weil er zur See fahren will. Er will nicht in den Tempel zurück. Zurück in sein Gefängnis, wie er ihn nennt.«
Marcia konnte nachempfinden, wie dem Drachen zu Mute war. »Jenna, sag ihm, dass er wieder in See stechen wird. Aber nicht heute Nacht. Heute Nacht möchten wir alle nach Hause.«
Das Drachenboot streckte wieder den Kopf in die Höhe, und diesmal fiel Marcia wirklich herunter. Sie rutschte am Hals des Drachen entlang und landete mit einem Bums auf dem Deck. Aber sie machte sich nichts daraus, ja, sie beschwerte sich nicht einmal. Sie saß einfach nur da und sah sich die Sterne an, während das Drachenboot vergnügt über die Marram-Marschen segelte.
Nicko, der Ausschau hielt, sichtete in der Ferne ein kleines Fischerboot, das ihm merkwürdig bekannt vorkam. Es war das Hühnerboot, das in der Strömung trieb. Er machte Junge 412 darauf aufmerksam. »Das Boot habe ich schon mal gesehen. Das muss jemand aus der Burg sein, der hier fischt.«
Junge 412 grinste. »Die haben sich eine schöne Nacht zum Fischen ausgesucht.«
Die Flut ging rasch zurück, als sie die Insel erreichten, und das Wasser, das die Marschen bedeckte, wurde seicht. Nicko übernahm das Ruder und steuerte das Drachenboot in das Bett des überfluteten Mott, vorbei an dem römischen Tempel. Er bot einen großartigen Anblick. Der weiße Marmor strahlte im Mondschein, zum ersten Mal wieder, seit Hotep-Ra das Drachenboot in Tempel begraben hatte. Die Erdwälle und das Holzdach waren fortgespült worden, und nur die hohen Säulen ragten noch empor.
»Ich wusste nichts von dem Tempel«, staunte Marcia. »Nicht das Geringste. Man sollte eigentlich annehmen, dass in den vielen Büchern der Pyramidenbibliothek etwas über ihn steht. Und was das Drachenboot angeht... nun, ich habe die Geschichte für eine bloße Legende gehalten.«
»Tante Zelda wusste Bescheid«, sagte Jenna.
»Tante Zelda?«, fragte Marcia. »Warum hat sie denn kein Wort gesagt?«
»Das durfte sie nicht. Sie ist die Hüterin der Insel. Die Königinnen, äh, meine Mutter und meine Großmutter und Urgroßmutter und alle anderen vor ihnen, mussten den Drachen besuchen.«
»Tatsächlich?«, fragte Marcia verdutzt. »Wieso?«
»Das weiß ich nicht«, antwortete Jenna. »Sie sagen es nicht.«
»Also mit mir hat niemand darüber gesprochen, und mit Alther auch nicht.«
»Oder mit DomDaniel«, unterstrich Jenna.
»Nein«, sagte Marcia nachdenklich. »Vielleicht ist es besser, wenn Zauberer gewisse Dinge nicht wissen.«
Sie machten das Boot am Landungssteg fest. Der Drache setzte sich in den Mott wie ein riesiger Schwan in sein Nest, ließ die mächtigen Flügel sinken und faltete sie sauber an den Rumpfseiten zusammen. Dann neigte er den Kopf, damit Jenna aufs Deck hinunterrutschen konnte, und blickte sich um. Die Marram-Marschen mochten nicht der Ozean sein, dachte er, aber mit ihrem weiten, flachen Horizont waren sie gar nicht so übel. Der Drache schloss die Augen. Die Königin war wieder da, und er konnte die See riechen. Er war zufrieden.
Jenna saß auf dem Rand des schlafenden Drachenboots, ließ die Beine baumeln und schaute sich um. Die Hütte sah so friedlich aus wie immer, auch wenn sie nicht ganz so gut in Schuss war wie bei ihrer Abfahrt, was daran lag, dass die Ziege das halbe Dach verspeist hatte und immer noch fröhlich weitermampfte. Der größte Teil der Insel war mittlerweile aus den Fluten aufgetaucht, allerdings mit Schlamm und Seetang bedeckt. Jenna fürchtete, dass Tante Zelda über den Zustand ihres Gartens nicht gerade erfreut sein würde.
Als das Wasser auch den Landungssteg wieder freigegeben hatte, kletterten Marcia und die Besatzung aus dem Drachenboot und gingen den Weg hinauf zur Hütte. Drinnen war es verdächtig still, und die Vordertür war nur angelehnt. Hier stimmte etwas nicht. Sie spähten hinein.
Braunlinge.
Überall. Die Katzenklappe, deren Zauber aufgehoben war, stand offen, und drinnen wimmelte es von Braunlingen. Wie ein Heuschreckenschwarm waren sie in das Haus eingefallen, hockten an den Wänden, auf dem Fußboden, an der Decke und im Tränkeschrank, schmatzten und mampften, kauten, nagten und kackten. Beim Anblick der Menschen brachen zehntausend Braunlinge in ein schrilles Gekreische aus.
Tante Zelda kam aus der Küche gestürzt.
»Was ist denn hier los?«, stieß sie hervor und versuchte, alles mit einem Blick zu erfassen, sah aber nur eine ungewöhnlich strubbelige Marcia in einem wogenden Meer von Braunlingen stehen. Warum, so fragte sie sich, musste Marcia immer Schwierigkeiten machen? Warum um alles in der Welt hatte sie ein Horde Braunlinge mitgebracht?
»Diese verflixten Braunlinge!«, rief Tante Zelda und fuchtelte wild mit den Armen, womit sie aber gar nichts erreichte. »Raus mit euch! Raus hier!«
»Zelda«, rief Marcia, »wenn Sie erlauben, erledige ich das für Sie mit einem kleinen Aufräumzauber.«
»Nein!«, schrie Tante Zelda. »Das muss ich selbst tun, sonst verlieren sie den Respekt vor mir.«
»Also, Respekt würde ich das nicht nennen«, murmelte Marcia, hob ihre ruinierten Schuhe aus dem klebrigen Schleim und untersuchte die Sohlen. Sie mussten irgendwo ein Loch haben. Sie spürte, wie der Schleim schon zwischen ihre Zehen kroch.
Plötzlich verstummte das Gekreische, und tausende kleine rote Augen starrten auf das Wesen, das jeder Braunling am meisten fürchtete.
Der Boggart stand in der Küchentür.
Das Fell sauber und frisch gebürstet, um den Bauch einen weißen Verband und sichtlich abgemagert, war er noch nicht wieder ganz der Alte. Aber er hatte immer noch den Atem eines Boggart. Und Boggart-Atem ausstoßend, watete er nun durch das Meer aus Braunlingen und spürte dabei, wie er wieder erstarkte.
Die Braunlinge sahen ihn kommen, und in ihrer Verzweiflung flüchteten sie vor ihm in die hinterste Ecke neben dem Tränkeschrank. Einer kletterte auf den anderen, immer höher und höher, bis sich alle Wabberschlammbraunlinge zu einem schwankenden Turm gestapelt hatten, alle bis auf einen, einen jungen, der heute zum ersten Mal auf Raubzug war. Plötzlich schoss dieser junge Braunling unter dem Kaminteppich hervor. Seine roten Augen leuchteten ängstlich in seinem spitzen Gesicht, und seine knochigen Finger und Zehen klapperten auf dem Steinboden, als er unter den Blicken aller anderen quer durch den ganzen Raum zu den anderen flitzte, auf den schleimigen Haufen sprang und in der Masse der kleinen roten Augen, die den Boggart anstarrten, verschwand.
»Keine Ahnung, wieso die nich einfach verschwinden, diese verdammten Braunlinge«, sagte der Boggart zu jedem, der ihm sein Ohr lieh, und das waren alle. »Obwohl... Es hat ’n schlimmes Unwetter gegeben. Da wollen sie wohl lieber in der schönen warmen Stube bleiben. Habt ihr das große Schiff gesehen, das da draußen im Dreck steckt? Die können von Glück sagen, dass die Braunlinge hier sind und nich da draußen. Die würden das Schiff glatt in den Schlamm runterziehen.«
Alle tauschten Blicke aus.
»Was noch nicht ist, kann ja noch werden«, sagte Tante Zelda, die genau wusste, von welchem Schiff der Boggart sprach, denn sie hatte mit ihm zusammen vom Küchenfenster aus alles so gebannt beobachtet, dass sie den Einfall der Braunlinge gar nicht bemerkt hatte.
»Na, dann zieh ich mal los«, sagte der Boggart. »Ich halt das nich mehr aus, so sauber zu sein. Ich such mir ’n hübsches kleines Schlammloch.«
»Nun, daran herrscht da draußen kein Mangel, Boggart«, erwiderte Tante Zelda.
»Ja«, sagte der Boggart. »Ah, ich wollt mich noch bei Ihnen bedanken, Zelda, für ... na ja, für die Pflege und alles. Danke. Die Braunlinge verschwinden, wenn ich weg bin. Falls sie noch mal Ärger machen, einfach schreien.«
Der Boggart watschelte zur Tür hinaus, um sich ein paar schöne Stunden bei der Wahl des Schlammlochs zu machen, in dem er den Rest der Nacht verbringen wollte. Er hatte die Qual der Wahl.
Kaum war er fort, wurden die Braunlinge unruhig, sahen sich gegenseitig mit ihren roten Knopfaugen an und schielten zur Tür. Als sie davon überzeugt waren, dass der Boggart tatsächlich fort war, kreischten sie alle aufgeregt durcheinander, und der Turm fiel, braune Pampe verspritzend, in sich zusammen. Vor dem Boggart-Atem endlich sicher, rannte die Horde zur Tür hinaus, hinunter zum Mott, dann über die Brücke ans andere Ufer und quer durch die Marram-Marschen. Schnurstracks zur gestrandeten Vergeltung.
»Wisst ihr was?«, sagte Tante Zelda, als sie die Braunlinge in den dunklen Marschen verschwinden sah. »Ich habe beinahe Mitleid mit ihnen.«
»Mit wem? Mit den Braunlingen oder mit den Leuten auf der Vergeltung?«, fragte Jenna.
»Mit beiden«, antwortete Tante Zelda.
»Also, ich nicht«, sagte Nicko. »Die haben sich gegenseitig verdient.«
Dennoch wollte keiner mit ansehen, was mit der Vergeltung in dieser Nacht geschah. Und es wollte auch keiner darüber reden.
Später, nachdem sie die Hütte grob von dem braunen klebrigen Zeug gesäubert hatten, begutachtete Tante Zelda den Schaden. Sie hatte sich fest vorgenommen, die Sache von ihrer positiven Seite zu betrachten.
»Eigentlich ist es gar nicht so schlimm«, sagte sie. »Die Bücher sind in Ordnung – oder werden es zumindest wieder sein, wenn sie getrocknet sind, und die Tränke kann ich frisch brauen. Bei den meisten lief sowieso das Verfallsdatum ab. Und die wirklich wichtigen sind weggeschlossen. Die Braunlinge haben nicht alle Stühle gefressen wie beim letzten Mal, und sie haben nicht einmal auf den Tisch gekackt. Alles in allem hätte es schlimmer kommen können. Viel schlimmer.«
Marcia setzte sich, zog ihre ruinierten lila Pythonschuhe aus und stellte sie zum Trocknen an den Kamin. Sie überlegte, ob sie einen Schuhreparaturzauber sprechen sollte. Streng genommen durfte sie es nicht. Zauberer sollten ihre Kunst nicht zum Zwecke der eigenen Bequemlichkeit missbrauchen. Es war eine Sache, wenn sie sich ihren Zaubermantel vornahm, denn der gehörte gewissermaßen zu ihrem Handwerkszeug. Aber dass sie die spitzen Pythons zur Ausübung ihres Berufs brauchte, ließ sich schwerlich behaupten. Und so standen die Schuhe dampfend am Feuer und verströmten einen schwachen, aber unangenehmen Geruch nach verschimmelter Schlangenhaut.
»Sie können meine Ersatzgaloschen haben«, bot ihr Tante Zelda an. »Die sind hier sowieso viel praktischer.«
»Nein danke, Zelda«, sagte Marcia geknickt. Sie konnte Galoschen nicht ausstehen.
»Ach, Kopf hoch, Marcia«, sagte Tante Zelda ärgerlich. »Auf See passieren schlimmere Dinge.«